Urteil: Knabenchor muss Mädchen nicht aufnehmen

Klage im Berliner Verwaltungsgericht abgewiesen

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Die Mutter eines neunjährigen Mädchens wollte ihre Tochter in einen Berliner Knabenchor einklagen. Die Klage wurde zurückgewiesen mit Berufung auf das Recht auf Kunstfreiheit.

Knabenchor weiterhin ohne Mädchen

Die Anwältin Susanne Bräcklein hat den Staats- und Domchor Berlin verklagt. Dieser hatte nach einem Vorsingen im März 2019 die neunjährige Tochter der Anwältin nicht in den Knabenchor aufgenommen, der seit 1465 besteht und seitdem ausschließlich mit Jungs und jungen Männern besetzt ist.

Die Mutter sah ihre Tochter, welche bereits zuvor im Chor der Komischen Oper Berlin und der Frankfurter Domsingschule gesungen hatte, aufgrund ihres Geschlechts vom Knabenchor diskriminiert. In der Klage berief sie sich auf das Grundgesetzt und die Menschenrechte.

Die Klage, welche die Anwältin eingereicht hatte, wurde nun vom Berliner Verwaltungsgericht abgewiesen. Die Klägerin Bräcklein hat nun die Möglichkeit, mit ihrem Fall vor das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg zu ziehen.

Das Mädchen erschien selbst nicht zur Verhandlung. Sie sei so angefeindet worden, so die Mutter der Neunjährigen, dass sie sich nicht in der Öffentlichkeit zeigen wolle.

 

Recht auf Kunstfreiheit

Der Staats- und Domchor Berlin, welcher zur Universität der Künste (UdK) gehört, berief sich auf das Recht der Kunstfreiheit, den Klang eines Chores selbst zu bestimmen. So gäbe es nun einmal anatomische Unterschiede zwischen Jungs- und Mädchenstimmen, welche unterschiedliche Klangbilder erzeuge. Der Chorleiter Kai-Uwe Jirka konnte vor Gericht anbringen, dass der Staats- und Domchor Berlin weniger eine Ausbildungsstätte als ein Kunstensemble sei und hier stets das Recht auf Kunstfreiheit gelten müsse. Das Gericht folgte dieser Argumentation. Da es sich nach Auffassung des Richters Jens Tegtmeier um einen Präzedenzfall handle, sei eine Berufung zugelassen. Die Abwägung zwischen beiden Grundrechten bedürfe der vertieften Betrachtung, so Tegtmeier.

 

Eine Frage des Geschlechts?

Es sei jedoch nicht das Geschlecht ausschlaggebend gewesen für die Ablehnung des Mädchens. Nach dem Vorsingen hatte der Chorleiter Jirka der Neunjährigen zwar Talent zugesprochen, welches allerdings nicht für einen Spitzenchor wie dem des Staats- und Domchores Berlin genügen würde, der unter anderem mit den Berliner Philharmonikern oder dem Konzerthausorchester Berlin auftritt.

Ein Brief der UdK an die Mutter des neunjährigen Mädchens gibt allerdings doch Hinweise darauf, dass auch das Geschlecht des Mädchens bereits vor dem Vorsingen zu einem Ausschlusskriterium gemacht habe: so hieß es im Brief, die Aussicht für das Mädchen, in den Chor aufgenommen zu werden, sei so groß wie die eines Klarinettisten, in ein Streichquartett aufgenommen zu werden – nämlich null.

 

Gleiche Förderung?

Mit der Klage wollte die Mutter des Mädchens eine gute Ausbildung und Förderung des Talents ihrer Tochter gewährleisten. In Berlin gebe es die bestmögliche Ausbildung nur im Staats- und Domchor Berlin, so die Anwältin.

Zur Universität der Künste gehört neben dem Knabenchor des Staats- und Domchors Berlin auch der mit dem Domchor verbundene Mädchenchor der Singakademie zu Berlin e.V..

Es gebe aber einen deutlichen Unterschied in der Subventionierung von Mädchen- und Knabenchören, letztere werden meistens intentionell und damit finanziell besser gefördert, sind häufig besser ausgestattet mit der Möglichkeit auf Einzelunterricht oder Konzertreisen ins Ausland. Auch die Akzeptanz von Knabenchören ist höher als die von Mädchenchören. Eine Auseinandersetzung mit der staatlichen Förderung für Mädchen und Mädchenchöre ist also durchaus sinnvoll.

Update:
Im September erhielt das Mädchen eine Einladung zum Vorsingen im Leipziger Thomanerchor, ebenfalls ein reiner Knabenchor. Die dortige Aufnahme ist ungewiss.

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